Charisma der Kreuzschwestern

Spiritueller Impuls von Schwester Ancilla Maria ( Generalrätin )

Das Charisma ist die Wurzel, das Charisma ist das, was uns zusammenführt und uns verbindet. Das Charisma ist etwas Lebendiges, eine Kraft, die Menschen brauchen, um in Bewegung zu bleiben. Das Charisma ist „Dynamik“. Wer sich dieser „Dynamik“ öffnet, bricht auf. Mère Adèle, die Ordensgründerin, hat diesen Aufbruch in der Zeit der Industrialisierung gewagt. Sie ist nicht alleine aufgebrochen, sie ist mit ihren Geschwistern, mit Freundinnen und Freunden aufgebrochen. Es war eine bewegte Zeit, in der der Menschenfluss vom Land in die Stadt sehr stark war. Was hat unsere Gründerin Adèle bewegt? Es war die Liebe Gottes einerseits, und es war der leidende Mensch, der in Not geratene Mensch der damaligen Zeit, andererseits.

Die Zeit der Industrialisierung mitsamt der spezifischen Not ist vorbei. Die entsprechende Antwort unserer Gründerin – ihre Hilfeform zur Linderung der Not – das so genannte Gründerinnen-Charisma ist nicht wiederholbar. Doch das Gründungs-Charisma ist uns aufgetragen: unsere Antwort auf die Liebe Gottes und unsere Antwort auf das Leid der Menschen. Diese beiden Ausgangspunkte können wir nutzen, um unser Charisma zu leben.

Wir alle haben ein Recht hier zu sein, aber wir alle sind auch in Pflicht genommen, zusammen zu arbeiten, miteinander einen Weg zu gehen in Europa und in Afrika. Wir haben das „Gepäck“ unseres Charismas immer bei uns, wenn wir wirklich zusammengehören, um dem Not leidenden Menschen zu helfen, als unsere Antwort auf die Liebe Gottes.

Bedeutsam bei der Gründung der Kongregation der Kreuzschwestern war damals, dass Mère Adèle gemeinsam mit den Damen ein Werk gegründet hat, das „Werk für die jungen katholischen Dienstmädchen“. Von Anfang an hat die Gründerin sich gemeinsam mit den Damen der Gefährdeten und Benachteiligten angenommen, die in leiblicher, seelischer und sozialer Not waren. Wesentlich und wichtig von Anfang an war immer das Ziel, die Menschen in die Selbständigkeit hinein zu führen, ihnen zu helfen, dass sie menschenwürdig in der Gesellschaft leben können.

Nach dem Willen unserer Stifterin soll das Kreuz Jesu Christi mit seiner heilenden, befreienden und erlösenden Botschaft der Liebe Gottes für die Menschen unser Denken und Handeln bestimmen. Die Stifterin hatte eine innige Beziehung zu Christus, dem Gekreuzigten, in dem sich die Liebe Gottes zum Menschen offenbart hat. Sie fühlte sich gedrängt: „Orte braucht der Mensch in Not, nicht (nur) Worte.“

Wir Kreuzschwestern und alle diejenigen, die durch das Charisma mit uns verbunden sind, orientieren uns am Leben Jesu, wie er sich Menschen zuwendet und dabei alle Höhen und Tiefen des Menschenlebens bis zum Kreuz durchlebte. Der leidende Mensch, der sich in Not befindende Mensch, ist am Kreuz. Wir können nicht alle Kreuze der Menschen wegnehmen, aber ihnen helfen, ihr Kreuz zu tragen.

Unsere Gründerin hat uns vier Grundhaltungen empfohlen, die zu unserem Charisma gehören und uns behilflich sind bei der Erfüllung unseres Auftrages:

  1. Die erste Grundhaltung der Sammlung als Gottverbundenheit in den Vollzügen des Alltages. Wir sprechen heute sehr oft von unserer Mitte. Der Mensch muss immer wieder seine Mitte finden, aus der Mitte heraus leben und dazu gehört die Sammlung. Gerade in unserer Zeit der vielen und starken Reize ist die Sammlung eine notwendige Grundhaltung. Wenn wir nicht unsere „Strömungen“ immer wieder orten, wenn wir unsere Mitte nicht pflegen, dann sind wir allen anderen  Strömungen ausgesetzt. Die Sammlung als Gott-Verbundenheit in den Vollzügen des Alltages! Unsere Gründerin war eine ganz  praktische, bodenständige Frau. Sie hat gewusst, welche Nöte auch die Helferinnen und Helfer haben. Sie wusste, dass in der Zerstreutheit des Vielerlei im Alltag die Kraft nur aus der Mitte kommen kann.
  2. Die zweite Grundhaltung: die Lauterkeit, die Reinheit der Absicht. Das ist kein veralteter Begriff, die Lauterkeit oder die Reinheit der Absicht. Lauter sein heißt absichtslos sein: Das, was ich sage, denke ich, was ich denke, sage ich.  Auch wenn ich nicht alles sage, aber das, was ich sage, muss stimmen. Lauter sein, wahr sein, ehrlich sein, ohne Nebenansichten.
  3. Die Demut ist die dritte Grundhaltung. Demut als Mut zum Dienen in den jeweiligen Nöten der Zeit. Es gehört  Mut zum Dienst, und wir alle wissen, wie schwer es uns manchmal fällt, zu dienen. Mut zu haben, sich herunterzubeugen, sich in Augenhöhe zu begeben mit dem Traurigen, dem Sterbenden, mit dem Menschen, der total anders ist als ich, sich herunterzubeugen zum Kind.
  4. Die vierte Grundhaltung: die Liebe als geschwisterliche Zuwendung und gegenseitiges Teilen und Mitteilen. Unsere Gründerin wusste, welche Konflikte entstehen, wenn verschiedene Menschen und Stände miteinander leben. Sie war eine Frau, die nicht nur meditiert hat. Sie hat Erfahrungen im konkreten Zusammenleben gemacht und gewusst, dass viele Energien verloren gehen, wenn die Liebe nicht alles zusammenhält. „Ein Leib und eine Seele sein“ zugunsten des hilfsbedürftigen Menschen. Die Liebe als Grundhaltung für das geschwisterliche Zusammenleben, Mitteilen, Mittragen – sie ist heute genauso notwendig wie damals.

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